
Wer denkt schon in der Vorweihnachtszeit an Karneval. Streng genommen hat die Narretei momentan Pause. Auch wenn in den närrischen Hochburgen am 11.11. die aktuelle Kampagne eingeläutet wurde. So auch in Thüringen. Und weil ja nichts ernster als der Karneval sein soll, gab es dort auch prompt ein “Narren-Trouble” – ob nun Unglück oder einfach nur unglücklich, ob Panne oder peinlich, ob Brauchtum oder Bruch mit demselben, das wird erst noch zu klären sein. Jedenfalls kam ein sehr erfolgreicher und großer Karnevalsverein in Thüringen seinem Ausschluss aus dem Dachverband zuvor und trat aus – weil er nicht akzeptieren wollte oder konnte, dass er sich von seiner eigenen Vereinstradition verabschieden sollte. So jedenfalls nach der gültigen Satzung und entsprechenden Beschlüssen des Bundes Deutscher Karneval…
Zur Story: Es geht um die traditionsreiche Karnevalsgesellschaft Duhlendorf in Neustadt (Orla) in Ostthüringen. Der Verein feiert aktuell sein 55-jähriges Bestehen, also ein richtig großes närrisches Jubiläum 5 x 11 Jahre. Aber zur regionalen Vereinstradition gehört bei den Duhlendorfern eben auch, dass der große und mit vielen Mitgliedern, Garden und Büttenrednern recht aktive Verein seit nunmehr 37 Jahren nach Aschermittwoch noch so genannte närrische Galas durchführt. Dies ist eigentlich eine typische “Ost-Tradition”. Sie soll entstanden sein, weil die Gesellschaft vor vielen Jahren nicht mit den Frauentagsfeiern kollidieren wollte. Und deshalb werden seit nunmehr 37 Jahren alljährlich Karnevalssitzungen unmittelbar an den Wochenenden nach Aschermittwoch durchgeführt. Natürlich hat der Verein in der Vergangenheit davon profitiert, denn zu den Sitzungen reisten schon zu DDR-Zeiten Unterhaltungs-Hungrige und Närrisch-Orientierte weit über Neustadt (Orla) an. Seis drum: Für die Duhlendorfer ist das ohne Frage eine Tradition, Brauchtum des Vereins und der Region.
Aber das kollidiert eben mit entsprechenden Beschlüssen, der Satzung und der so genannten Ethik-Charta des BDK, des großen Dachverbandes der Karnevalsvereine in Deutschland. Weil möglicherweise ein Ausschluss gedroht hätte, traten jedenfalls die Duhlendorfer aus dem zuständigen Landesverband Thüringer Karnevalsvereine (LTK) aus. Und sorgten so für Schlagzeilen. Und schlossen sich einem anderen närrischen Verband an, der Föderation Europäischer Narren (FEN). Denn während der Bund Deutscher Karneval (BDK) eine strikte zeitliche Grenze für die Narren markiert (”am Aschermittwoch ist alles vorbei”), lässt die FEN-Satzung – obwohl gleichermaßen Brauchtumspflege – eben eine solche regionale Besonderheit zu.
Und schon ist der Trouble unter den eingefleischten Jecken da. Und es wird gleich wieder ein Streit zwischen der FEN und dem BDK gesehen, was eigentlich nach den jeweiligen Satzungen und Verbandsbeschlüssen nicht sein müsste. Warum? Der BDK hat sich zeitlich klar positioniert und festgelegt. Er markiert alte christliche Bräuche und leitet daraus die Festlegung der zeitlichen Begrenzung der so genannten 5. Jahreszeit ab, und danach ist eben am Aschermittwoch – mit dem Beginn der österlichen Fastzeit – alles vorbei, Schluss mit Lustig. Hier gibt – wenn man so will – die christliche Kirche aus ihrer eigenen Geschichte die Vorgabe. Und daran halten sich natürlich die Narren in den christlich verwurzelten Karnevals- und Hochburgen. Zumindest meistens, aber nicht immer, wie eine genaue Recherche belegt.
Die Föderation Europäischer Narren ist hier etwas toleranter, bekennt sich zwar ausdrücklich zur Brauchtumspflege, sieht hier aber die Pflege des “bodenständigen, kulturellen und musischen Brauchtums, insbesodnere des Karnevals-, Fastnachts- und Faschingsgeschehens” im Vordergrund. Und nach dieser Sprachregelung gilt tatsächlich nicht nur der christlich-närrische “Kalender”, sondern eben durchaus auch eine regionale Tradition. Die im Falle der Duhlendorfer mit 37 Jahren wohl abzeptiert werden müsste.

Nun bin ich gespannt, ob sich daraus eine klassisches Ost-West-Debatte ableitet. Es gibt gerade im Osten noch weitere Vereine, die schon immer über Aschermittwoch hinaus Karnevalsveranstaltungen durchgeführt haben. Und dabei ging es überhaupt nicht immer nur – wie oft behaupten wird – um reinen Kommerz. Schon garnicht zu DDR-Zeiten. Und gerade in Ost-Karnevals-Verein sind ja ohnehin eine Menge Leute Mitglied, die sich christlichen Traditionen nicht zwingend verpflichtet fühlen, vom Publikum hier ganz zu schweigen. Müssen die so betroffenen Ost-Narren etwa nun “zu Kreuze kriechen”?
Und was ist überhaupt mit solchen Menschen, die einder anderen Glaubensrichtung angehören, aber sich trotzdem dem närrischen Frohsinn anschließen und engagieren möchten. Gilt für eben diese Leute auch zwingend die christliche Tradition und deren närrische Brauchtumspflege. Warum kann es hier nicht eine gewissermaßen liberale Haltung geben – dass nämlich – ohne den Kommerz zuvorderst zu bedienen – das närrische Brauchtum regional gepflegt werden soll, aber eben der Kirchenkalender dafür nicht quasi Gesetz sein muss. Dann könnte nämlich einigen Karnevalisten der tierisch-ernst Zoff von Funktionären erspart bleiben und der Karneval das bleiben, was er eigentlich für das Publikum sein soll – unterhaltsame Entspannung und Freizeitgestaltung… Ich räume ein, das kann man auch anders und strenger sehen…